Sonntag, 4. Juni 2017

Outdoor, die Wildnisform des Paradieses

Outdoor ist nicht einfach draußen, sondern ein nichtdigitales Medium, eine blühende Sehnsucht und eine konsumkulturelle Bewegung.



Outdoor – draußen vor der Tür – könnte man einen Ort vermuten, zu dem der Mensch nichts beisteuern muss, weil sich dort etwas ganz von alleine selbst produziert, steuert und verwirklicht: die sogenannte Natur. Da diese aber seit 10.000 Jahren beackert, verwendet, verwandelt und gestaltet wird, hätte sie es eigentlich gar nicht mehr verdient, Natur genannt zu werden. Richtig müsste man all das, was draußen gedeiht, wie etwa Wiese und Wald, Kultur nennen. Dieser Begriff ist schließlich abgeleitet von der Agrikultur, von Anpflanzung und Ackerbau. Trotzdem scheinen wir ohne „Natur“ nicht auszukommen. Wir brauchen sie als symbolischen Gegenpol innerhalb der Kultur, um uns ein Äußeres zur Kultur vorstellen zu können. Etwas, das nicht Kultur wäre. Eine Repräsentation des Unkontrollierten, des Anderen. Einen imaginären „Outdoorbereich“ unserer Zivilisation. 
 
Outdoor ist ein treffender neuer Name für die Natur, die keine mehr ist. Er klingt nach Marketing und spricht dabei ganz ehrenhaft die Wahrheit. Denn obwohl Pflanzen nach wie vor sich selbst produzieren, haben wir längst das Produzieren von Natur selbst in die Hand genommen. Outdoor ist ein wachsender Markt äußerst heterogener Produkte. Vom Geländefahrzeug für den Innenstadtbetrieb über das Himalayazelt für den Campingplatz bis zur App für den Sensor, der stündlich die Bodenfeuchte im Rollrasen misst. Von der Samenbombe des Guerillagärtners über die Gartenmöbelversion eines Designklassikers von Corbusier bis zum Schnittlauchblumentopf für das gemeinschaftlich genutzte Vertikalbeet am Bürodach. 


Wäre die Natur an sich begehrenswert, bräuchten wir vielleicht nicht so viele Werkzeuge, um ihr nachzustellen. Doch sie entzieht sich wie der Horizont, auf den man mit dem Auto zufährt, ohne jemals anzukommen. So ist das eben mit den kulturellen Phantomen: sie halten uns in Bewegung. Um sich mit der Natur zu vereinen, muss man immer noch einen Schritt weiter gehen. Um ins Outdoor zu gelangen, muss man immer noch eine weitere Türe durchschreiten, etwa die in den Garten. So klein dieser auch sein mag, birgt er doch in sich eine verlässliche Unendlichkeit. Mit der Arbeit an ihm wird man niemals fertig sein. Ebenso wird seine Ausstattung immer noch eine kleine Ergänzung ermöglichen. Richtiges „Garteln“ beginnt am Samstag mit einem Großeinkauf.


Beinahe vergessen ist, dass die Natur über Jahrtausende der größte Feind des Menschen war. Eine Umgebung voll von tödlicher Gefahr. Vor dem 18. Jahrhundert wurden Berge nicht als schön empfunden, sondern als hässlich und schreckenerregend. Niemand wäre auf die Idee gekommen, freiwillig in die Höhe zu klettern. Natur war das, was der Mensch beherrschen wollte und musste, um zu überleben. Die Geschichte der Technik ist eine Siegesgeschichte über den Erzfeind, die Natur. 

Wildnis im Paradies
Seit Urzeiten mühten wir uns um die Beherrschung der Natur, jetzt sind wir beherrscht von der Sehnsucht nach ihr und wollen sie zurück. Allerdings nicht in Form einer tatsächlichen Wiedererrichtung ihres grausamen Regimes. Zwar siedeln wir neuerdings Wölfe und Bären in entlegenen Wäldern an. Auf unsere Ausstattung mit Schusswaffen wollen wir jedoch nicht verzichten. Bei den Gartenpflanzen schätzen wir Artenvielfalt und ein breites Sortiment. Bei tödlichen Gewächsen wie Tollkirsche und Fliegenpilz wäre es mit der Natürlichkeit dann aber entschieden zu viel. Man muss schon Impfgegner sein, um Masernviren genau so lieben zu können wie Hauskatzen. 


Auch wenn es garstig klingt: Die gegenwärtige Natur ist eine geschminkte Leiche. Dies ist die Voraussetzung unserer Liebe zu ihr. Das kürzeste Resümee der Menschheitsgeschichte lautet: Wir haben die Technik entwickelt, um die Natur zu besiegen und diese sodann in ästhetisierter Form als Dekoration wieder zur Erscheinung zu bringen. Unser aktueller Naturkult ist eine pseudopazifistische Siegesfeier, die Topfpflanze unsere liebste Trophäe. Seit es Natur nur noch als kulturelles Arrangement gibt, das als Landschaft den gesamten Planeten bedeckt, steht Outdoor für die räumlich projizierte Fantasie eines Außen, eines gelobten Landes, in dem man gleichsam von einem Bären gefressen werden könnte, ohne dabei Schmerz zu empfinden, man dabei am Leben bliebe und auch noch als Zuschauer das abenteuerliche Erlebnis beklatschen könnte. Was wir heute Natur nennen, ist ein Artefakt, eine symbolische Repräsentation jenes Zustands, von dem wir uns einst abgestoßen haben, um zivilisierte Menschen zu werden. Gärten sind dazu da, diesen Triumph gebührend zu feiern und seine Gewalttätigkeit als Vorzeigefriedlichkeit auszugeben.

Kombinatorik von Outdoor-Mythen

Die Frage nach dem Ursprung des Menschen wird von zwei konkurrierenden Outdoor-Mythen beantwortet, der eine spielt in einem Garten, im Paradies. Aus diesem sind wir immer schon vertrieben. Eden ist ein Garten, in dem das Gesetz der Natur, dass ein Wesen sich todbringend übers andere hermacht, nicht gilt. Auch die Notwendigkeit, Nutzpflanzen anzubauen oder auch nur Gartenarbeit zu verrichten, ist hier aufgehoben. Die Sehnsucht nach einem gewaltfreien Dasein auf Erden wird zurück projiziert und als Verlustgeschichte erzählt. 

 
Der zweite Outdoor-Mythos ist viel jünger, er antwortet nicht mehr auf die Mühen des Ackerbaus und der Jagd, sondern auf die normativen Anforderungen der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts: Die „Wildnis“ ist wie das Paradies ein fantasierter Sehnsuchtsort, bewohnt vom „Edlen Wilden“, einem unschuldigen Menschen, der noch nicht von der Gesellschaft und ihrer Kultur verdorben ist. Die Wildnis ist Sinnbild der Kritik an einer bereits hoch entwickelten Zivilisation. Ähnlich wie im Paradies wird hier kein Ackerbau betrieben. Der Idee eines Gartens jedoch steht die Wildnis feindlich gegenüber. Schließlich wurden im Schlosspark zu Versailles Pflanzen als Medien eingesetzt, um die Gesellschaftsordnung abzubilden. Im Barockgarten zeigen sich die Herrschaft über die Natur und die absolutistische Herrschaft über den Menschen als Einheit. Wildnis ist die Antwort darauf – ein Antigarten gegen die Überzivilisation.

Auch heute ist der Garten ein Medium zur Inszenierung gesellschaftlicher Leitbilder, mit stark erweitertem Vokabular. Das idyllische Paradies herrschte im 20. Jahrhundert. Erst mit dem Aufkommen des Ökogedankens erhielt es Konkurrenz von der Wildnis. Mittlerweile treten die beiden Gegenspieler oft gemeinsam auf und in allerlei Mischungen. Im sogenannten „Naturgarten“ etwa will der Mensch künstlich das Natürliche herstellen. Worin die Besonderheit eines „Outdoor-Regenschirms“ besteht, bleibt noch zu klären. Erst in jüngster Zeit ist neben dem Paradies und der Wildnis, neben Ziergarten und Outdoorabenteuer ein dritter botanischer Wunschtraum auf den Plan getreten. Nutzpflanzen verdrängen nun Blumen aus ihren angestammten Beeten, Gemüseanbau ist der letzte Schrei. Seit der Finanzkrise wäre man gerne autark, als Selbstversorger beim Crash vor dem Verhungern bewahrt. Das wird mit Tomaten am Balkon zwar nicht gelingen. Aber beim Paradies und bei der Wildnis hat schließlich auch niemand nach der Realität gefragt.

Erstmals erschienen in Falstaff Living 02/2017  





Freitag, 16. Dezember 2016

Warum Sofas begehrenswert sind

Sofa Freistil von Rolf Benz


Wir alle sind Sofasurfer. Mit Knabbergebäck und Bierdose auf der Fernsehcouch findet der moderne Mensch seine Mitte. Warum ist das so?

Die erfolgreichste kulturelle Erfindung des letzten halben Jahrhunderts war die Fernsehcouch. Gemeinsam mit einem niedrigen Tischchen und dem Fernsehapparat ist sie das Zentrum eines Rituals, zu dem auch spezielle Speisen und Getränke gehören. Diese müssen nicht nur praktisch für den Verzehr im freien Luftraum geeignet sein, sondern auch dem Geist des Sofasitzens gerecht werden.

Sigmund Freud hatte die Couch zum Werkzeug seiner Heilbehandlung gewählt, weil sie den Körper in eine Mittelstellung bringt zwischen Sitzen und Liegen. Liegenden droht die Gefahr, einzuschlafen. Aufrechtes Sitzen hielte die bürgerliche Tagesverfassung sittsamer Selbstkontrolle allzu sehr aufrecht. Die 45° Sitzstellung sollte die Wachsamkeit über die innere Traumwelt schwächen. Als Heilinstrument war es die Aufgabe der Chaiselongue, eine Übergangszone zwischen der Tagwelt der Selbstüberwachung und der Nachtwelt der Traumversunkenheit zu installieren.

Freuds Couch bringt Träume und Unbewusstes zur Sprache und zutage. Wie die moderne Fernsehcouch kombiniert sie eine plappernde Tonspur mit dem phantastischen Geschehen eines inneren Films. Auch die Couch selbst hat ein Unbewusstes, das sie uns erzählen kann. In ihren Polstern stecken persönliche Erinnerungen, allgemeine Assoziationen und kulturelles Gedächtnis. Diese Bedeutungstiefe machen wir uns nicht bewusst, weil wir ja gar nichts anderes als sitzen, fernsehen und knabbern wollen.

Betrachten wir das idealtypische Sofa unserer Zeit. Stilistisch vom Bauhaus inspiriert, übertreibt es dessen Prinzipien des Rechteckigen und Flachen in neomodernistischer Manier. Warum ist das heutige Sofa so niedrig, warum die Sitzfläche viel tiefer, als ein Menschenschenkel lang ist? Die Motive dieses Designs liegen im kulturellen Bruch der 1960er Jahre, im Protest gegen den „aufrechten Bürger“. Für diesen war eine Körperhaltung wichtig, die Selbstbeherrschung, Höflichkeit, gutes Benehmen, Respekt und Distanz signalisierte. „Sitz ordentlich!“, wurden die Kinder häufig gemahnt – das schlimme Gegenstück zum disziplinierten Sitzen nannte man „Lümmeln“. Sitzmöbel der 50er Jahre hatten Modernität noch bewiesen durch Buntheit, Streulage und Abrundungen, die auf die Aerodynamik der Fahrzeuge anspielten. Die Sitzstellungen aber blieben von wohlerzogener Artigkeit und aufrechter Haltung geprägt. In einem weichen Polstermöbel zu versinken war nicht angebracht.

Die Hippies brachen mit traditionellen Förmlichkeiten und propagierten die Entformalisierung aller Lebensbereiche. Beim Zusammensitzen im Wohnzimmer wurde auf Höflichkeitsfloskeln ebenso verzichtet wie auf stramme Körperhaltungen. Nicht länger steif und förmlich, sondern unmittelbar, direkt, locker und entspannt wollte man nun beisammen sein. Aufrechte Haltung geriet in den begründeten Verdacht militärischen Ursprungs. Die Nazizeit war von Exzessen der Rückgrat-Begradigung zum Aufrechten geprägt gewesen. Dem antwortete die Protestgeneration mit radikaler Horizontalisierung. Das Wohnen und Sitzen zeigte ab 68 einen Hang zum Bodennahen.

Sitzmöbel widersprachen generell dem Geist der neuen Zeit. Schließlich wollte man die Zivilisationsgeschichte rückabwickeln. Dabei landete man auf dem Boden und erklärte diesen zur ideologisch optimalen Sitzfläche. Die Idee des „Guten Wilden“ von Rousseau wurde nicht nur frisurtechnisch, sondern auch wohnräumlich nachinszeniert. Auch die Kinder waren nun Vorbilder, soweit sie unerzogen waren und damit zeigten, noch nicht von der Zivilisation verdorben zu sein. Kinder und „Wilde“ sitzen ihrer Natur nach nicht aufrecht auf Stühlen. Sie gehen barfuß und hocken am Boden.

Der zottelig weiche Flokatiteppich linderte ein wenig die Unbequemlichkeit beim „Sit-in“. Der Sitzsack war eine Kompromissbildung zwischen Boden und Sitzmöbel. Er inszenierte das Prinzip der Entformalisierung in Reinkultur. Auch dementierte er, überhaupt ein Möbel zu sein. Tiefer ins Bodennahe ist die Menschheit niemals versunken. Abkehr von sozialen Hierarchien und Streben nach ökonomischer Gleichheit fanden sitztechnisch in der Bodenhaltung ihren privaten Ausdruck. Hohe und aufrechte Sessel verströmten nun den Geruch des Antimarxistischen.

Die ideale Couch der Gegenwart weiß nichts mehr vom Kulturkampf ums Gesäß, trägt aber seine Spuren. Auf dünnen Beinen schwebt sie unterhalb der Wadenlänge. Mit ihrer Sitztiefe können die Oberschenkel nicht mithalten. Auch ist sie länger als der ganze Mensch. Damit zwingt sie zu einer Sitzhaltung, die weder vom Design des Möbels noch von gesellschaftlicher Sitte vorgegeben ist, sondern spontan und wechselhaft vom Sitzenden ganz autonom und individuell gefunden werden muss. Die einst vom formlosen Bodensitzen demonstrierte Freiheit der Gesellschaft lebt in der vom Sofadesign erzwungenen Freiheit der Körperhaltung fort. Im politisch-ökonomischen Kontext der Gegenwart hat sich die Freiheit jedoch in eine Inszenierung von Freizeit verwandelt, die privat und individuell zu nutzen ist.

Als Freizeitmöbel steht die bodennahe Lümmelfläche nicht mehr in Opposition zur alten Disziplinargesellschaft der Fremdzwänge. Sie dient vielmehr zur Kompensation der freiwilligen Arbeitsüberlastung in der Konkurrenzgesellschaft. Wer nach der Arbeit entspannt, chillt oder abhängt, tut dies meist im Geist der Erholung. Erholung macht fit für die Arbeit. Das Sofasitzen erhält damit einen von der Arbeitsleistung abgeleiteten Wert. „Ich muss mich in der Freizeit entspannen“, sagt man heute. So betrachtet wird die Couch zum Werkzeug der Selbstoptimierung, gerade weil sie die zeitweilige Entlastung von der Arbeitspflicht wie eine Bühne körpertheatralisch inszeniert.

Auf dem Sofa befindet man sich gleichsam im Leo, entrinnt den wachsenden Anforderungen an Strebsamkeit und Moral. Dazu passt, dass es sich hier auch für die klügsten Leute geziemt, die dümmsten aller Fernsehserien auf sich einströmen zu lassen. Der die Aktivitätspflicht kompensierende Passivitätskult des Sofasitzens hat auch die Rezeption des Mediums verändert. In der Frühzeit waren die Menschen noch aufmerksam vor dem Fernseher gesessen und hatten so diszipliniert eine „Sendung“ verfolgt, wie in der Kirche die Predigt, in der Schule den Unterricht oder im Kino ein Werk der Filmkunst. Ab den 70er Jahren entzogen immer mehr Leute der Flimmerkiste ihre Aufmerksamkeit. Der Fernseher lief den ganzen Tag, aber man sah nicht mehr hin und hörte nicht zu.

Die heute allgemein geltende „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ ist auf dem Fernsehsofa ausgesetzt, hier ist die Unaufmerksamkeit Programm. Man plaudert, kuschelt und telefoniert, schreibt Whatsapp-Nachrichten, streunt durchs Web per Tablet. Das Sofa ist die Entlastungszone von allem, was man soll. Deshalb schickt es sich auf der Fernsehcouch nicht, ein Bier aus dem Glase zu trinken oder den Hamburger mit Besteck vom weißen Teller zu essen. Der Couchtisch muss niedrig sein, um etwaige Ambitionen, beim TV-Dinner nicht wie ein Kind kleckern und bröseln zu wollen, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Knabbergebäck muss hier ausnahmsweise der Gesundheitspflicht trotzen. Wer eine Karotte vorzieht, hat den Kult nicht verstanden. Auf der Fernsehcouch wollen wir nicht aktiv Gutes essen. Wir wollen von der schlimmen Industrie gefüttert sein.

Erschienen in Falstaff Living 2016 

Samstag, 12. November 2016

Sex und Tugend des Salats



Salat ist keine Kategorie der Botanik, sondern der Kulinarik. Seine steile Karriere machte er als Verführer. Aus der Beilage wurde ein Hauptgericht.

Mitte des 20. Jahrhunderts war Salat eine Randerscheinung im engsten Sinne des Wortes. Serviert wurde er in einer kleinen Glasschüssel neben dem Rand des Tellers oder, in seiner äußersten Schwundstufe, als einzelnes halbwelkes Blättchen am Tellerrand, das man besser nicht aß, da es ohnehin nur zu Zwecken der Dekoration, als grüner Farbtupfer mit rotem Paprikastreifchen, aufgetischt war.

Salat galt als Arme-Leute-Essen, als Hasenfutter und Sättigungsbeilage. Ein Gericht hatte ein Zentrum und eine Peripherie, eine Substanz und Nebensächlichkeiten. Am untersten Punkt in der Wertehierarchie fristete der Salat sein verächtliches Dasein. Als zierliche Garnitur am Tellerrand war es seine primäre Aufgabe, das Zentrum kontrastierend zum Zentrum zu machen. Ohne Unwichtigkeiten kann man schließlich keine Wichtigkeiten verzehren. Hierarchie war noch nicht verpönt, sondern genoss als gute Ordnung der Gesellschaft höchstes Ansehen.

Doch jede gute Ordnung braucht ihre bösen Durchbrechungen.  Von den 1930er bis in die 1970er Jahre repräsentierte die Mounier-Bar in der Wiener Kärntnerstraße das Gegenuniversum zur ordentlichen Salatkultur. Die Tagesbar war eine Sektbar und Salatbar. Hier gab es nur Salate. Diese waren nicht Randerscheinung, sondern das Zentrum eines leicht anrüchigen urbanen Mittagsmahls.

In der Mounier-Bar war alles französisch, und alles Französische galt damals als Frivolität. Für den sexualunterdrückten Österreicher anno 1965 war eine Reise zum Moulin Rouge die aufregendste aller erotischen Fantasien. Die Serviererinnen der Mounier-Bar waren gut ausgesucht für den Import französischen Flairs ins verschlafene Wien. Sie trugen stark blondierte Beehive-Frisuren, benannt nach Bienenkörben, die sich von Festigerspray getragen über ihren Köpfen türmten. Es waren in die Jahre gekommene Schönheiten, gewürzt mit einer Prise des Ordinären, was bei den Gästen ein nie endendes Rätselraten provozierte, welchen Beruf denn die Damen zuvor ausgeübt haben könnten. 

Zugleich war in der Mounier alles recht nobel und fein. Man versank tief in den Canapés und hatte alle Mühe, von den winzigen Tischchen zu essen. Die Zweckwidrigkeiten übersetzten das Luxuriöse in eine Körpererfahrung.
Diese frivole Atmosphäre erfüllte die französischen Salate mit aufregender Bedeutsamkeit. Sie trieften von Fett und Mayonnaisen. Fleischsalat, Fischsalat, Schinken- , Eier- und Käsesalat, Nudel- und Kartoffelsalate wurden mit modernen Köstlichkeiten wie Dosenmandarinen und Ananasscheiben veredelt. Curry- und Remouladensaucen flossen reichlich, Cocktailkirschen waren die Krönung.

Zu unserem heutigen Verständnis von Salat lässt sich kein stärkerer Kontrast denken. Die üppig-dekadenten „französischen“ Salate assoziierte man mit Adel und Großbürgertum, den bodenständigen grünen Salat mit Kleinbürgern, Bauern und Arbeitern. Die Kulturkampflinie trennte das luxuriös Kultivierte vom Rohen, Niedrigen, Zurückgebliebenen und Ärmlichen. Rohes Grünzeug galt als Nahrung für Tiere und „die Wilden“, als Futter außerhalb jeder wahren Zivilisation. Diese wurde immer noch an der Erfindung des Feuers festgemacht, die das Rohe vom Gekochten schied.

Lange vor Beginn des Gesundheitsdenkens strebten junge, modebewusste Frauen bereits nach Schlankheit. Obwohl deren Motive noch als eitel bekrittelt wurden, waren sie doch die Initiatorinnen für den Aufstieg des grünen Salats. Der Speisekarten-Hit Blattsalat mit Hühnerstreifen rückte das Grünzeug vom Rand ins Zentrum. Die Kombination von Fleisch und Salat hatte ausschließlich die Funktion, den Magen auch ohne Kohlenhydrate zu füllen.
Den nächsten Karriereschritt verdankt der Salat seiner Farbe, die nicht zufällig identisch war mit einer neuen politischen Bewegung, die Anfang der 80er Jahre an Breite gewann. Die Grünen stellten die alte Hierarchie zwischen Kultur und Natur auf den Kopf. Kulturprodukte wie Wiese und Wald wurden zur Natur erklärt und zum gesellschaftlichen Ideal verklärt. Bis heute zieren grünfärbige Idealbilder des vermeintlich Natürlichen jede Kunststoffverpackung von Lebensmitteln im Supermarktregal. Ihre Aufgabe ist es, die Verdacht weckende Länge der Inhaltsstofflisten ästhetisch zu kompensieren.

Seither gilt der grüne Salat als essbarer Inbegriff aller grünen Ideen. Mit deren Erfolg wuchs sein eigener. So sehr, dass heute schon ein einzelnes Salatblättchen genügt, Fastfood wie Hamburger oder Salamiweckerl das Image des Natürlichen zu implementieren. Gemeinsam mit oben aufgeklebten Körnern ist das seitlich hervortretende Salatblatt so etwas wie eine Fahne des imaginären Naturguten.

Während das Natürliche anfänglich bloß als antiindustriell, antikapitalistisch und antichemisch definiert war, wuchs seine Bedeutung, als ab den 1990er Jahren der Wert des Gesunden damit gleichgesetzt wurde. Der Weg des Salats durch die jüngere Geschichte gleicht dem eines Sammlers – von jedem Trend nimmt er sich ein Stückchen Bedeutung mit. Jedes seiner Blätter ist heute dicht beschrieben mit allen heiligen Modeworten und -werten unserer Zeit. Es kündet uns von Schlankheit, Sportlichkeit, Gesundheit, Reinheit, Regionalität und Naturverbundenheit, auch wenn es nur auf der Autobahnraststätte aus einem eingeschweißten Kornspitz quillt.

Kann ein Pflänzchen mehr Bedeutung haben? Es kann! Seit Grün nicht mehr mit Umweltverschmutzung, sondern Klimakatastrophe argumentiert wird, hat sich der gute Sinn des Salats in planetarische Dimensionen erweitert. Angesichts solcher Bedrohlichkeit ist der Salatpflanze neuerdings auch noch ein moralischer Mehrwert zugewachsen. Freilich nur symbolisch – die Umweltschäden spanischer Salat-Massenproduktion für den deutschen Markt stehen auf einem anderen Blatt.
Auch beim aktuellsten Trend steht der grüne Salat im symbolischen Zentrum und gewinnt weiter an moralischer Aufladung. Gesundheit war noch ein egoistischer Wert, Wetterrettung zwar schon altruistisch, aber immer noch egoistisch auf den Menschen bezogen. Erst mit der Ausweitung auf das Tierreich ist die Moral beim totalen Altruismus angelangt. Im Vegetarismus und Veganismus symbolisiert der Salat das Nichttierische schlechthin, den demonstrativen Tierverzicht auf dem Teller.

Der Trend zur fleischlosen Ernährung bringt für den Salat zwar die höchste Stufe seiner Wertansammlung, zugleich aber auch seine letzte. Setzt sich der Veganismus durch, ist die Geschichte des Salats zu Ende. So wie dem Fisch der Begriff vom Wasser fehlt, solange er nicht gefischt wird, braucht es auch keinen Salatbegriff mehr, wenn die Menschheit nur noch von Grünfutter lebt. Die trendige Speise von heute präsentiert sich als Zusammenstellung warmer und kalter Pflanzenteile. Wenn alles Salat ist, ist nichts mehr Salat.

Die gesundheitsfördernden Eigenschaften des Salats sind – gelinde gesagt – umstritten. Er habe „die Ernährungsphysiologie eines Papiertaschentuchs mit einem Glas stillen Wassers“, bescheinigt ihm der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer. Sein Gehalt an Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen sei unterdurchschnittlich, der Rest eine „große Salatlüge“.


Die Wahrheit des Salats ist, dass er seine steile Karriere als Botschafter gemacht hat. Jeden Trend, jede neue Ideologie, jeden Wertewandel trug er durch den Mund in die Menschen hinein. Sein Mangel an materiellen Inhaltsstoffen scheint ihn zu prädestinieren, als stofflicher Träger gedanklicher Inhalte so erfolgreich zu sein.

Erschienen in: Falstaff Living 

Montag, 31. Oktober 2016

Holz und Wellness



Der Wellness-Kult hat das Material Holz umcodiert. Seither hat Holz einen "Wellnessfaktor". Das alltägliche Material erglänzt im Schein neuer Werte.



Bild: Wellnesszone von Brantner Holz Manufaktur  Website 

Viele Dinge des Alltags sind aus Holz. Bei vielen von ihnen ist uns das Holz so alltäglich, dass es nicht weiter auffällt. Utensilien nannte man einst jene Gegenstände, bei denen der Gebrauch so stark im Vordergrund steht, dass wir den Unterschieden ihrer materiellen Beschaffenheit nicht allzu viel Aufmerksamkeit widmen. Zu Kleiderbügeln, Kochlöffeln und Bleistiften pflegt nur ein kleiner Teil der Menschen die intensivierte Beziehungsform des Gourmets oder Fetischisten. Woraus Zahnstocher, Eis-Stiele und Streichhölzer bestehen, ist schließlich allen egal.

Doch es gibt sie: Stammkunden des Manufactum-Katalogs, Alphamänner, die auf hölzerne Schuhstrecker schwören, Kräuterfrauen, die fürchten, aus dem Kunststoffschneidbrett könnten böse Moleküle vergiftend ins Biogemüse eindringen. Vom Marketing nach Kräften gefördert, mehrt sich die Minderheit der Obsessiven langsam, aber stetig. In ihren wohlinformierten Augen wandelt sich Alltägliches zu Besonderem.

Gegenüber den praktisch Orientierten finden sich – am anderen Ende des Spektrums - die Holzbegeisterten. Nicht nur das Material ist ihnen nicht egal, auch auf feinste Nuancen der Oberflächen und Farbtönungen, kombiniert mit spezieller Formgebung des Gegenstands, legen sie hohen Wert. 

Seit die Gesellschaft in immer mehr Kulturen zerfällt, die nebeneinander und auch gemischt koexistieren, hat auch das Holz seine möglichen Bedeutungen vervielfacht. Neue Moden, Trends, Ideologien und Marketingoffensiven vermehren kontinuierlich die Mythen und Zuschreibungen, mit denen hölzerne Dinge aufgeladen werden. 

Damit wird Holz zum Spiegel, in dem sich die jeweils aktuelle Gliederung der Gesellschaft in subkulturelle Milieus, Werte- und Glaubensgemeinschaften abbildet. Holz wird zum Medium und zur Sprache, die uns verschiedene Geschichten erzählt und erzählen lässt.

Zeige mir deinen Holz-Mix, und ich sage dir, wer du bist. Zwischen rustikalem Braun und Biedermeierfurnier tun sich kulturelle Abgründe auf. Fischgrät- oder Stabparkett, das ist die Frage, an der Liebe und Hass gegenüber der architektonischen Moderne sich scheiden. Eine hohe Zahl an Astlöchern in hellem Holz bemisst den Grad jener Bio-Gesinnung, die in den Achtziger Jahren Verbreitung fand. Ebenfalls unlackiert, jedoch ohne Astlöcher und in graubraun stumpfen Tönungen kommen jene Produkte daher, die dem Wellness-Kult seine hölzernen Formen der Anschaulichkeit geben.

Holz ist zum Wellness-Baustoff schlechthin geworden. Im Bezugssystem der Wellnessbewegung symbolisiert es „Natürlichkeit“ und „Gesundheit“. Dank dieser doppelten Zuschreibung fungiert Holz als tragende Säule der Ideologie, da es die vermeintliche Einheit der beiden Begriffe verkörpert. Für Wellness-Jünger gilt nämlich Gesundheit als natürlich und die Natur als gesund. Die Hohepriester gehen so weit, im Holz an und für sich ein Heilmittel des Leibes, des Geistes und der Seele zu sehen.

Auch wenn Krankheit ein Naturphänomen ist, dessen Heilung teils durch die Regenerationsfähigkeit des Organismus, teils durch menschliche Eingriffe erfolgt, stört doch das Realitätswidrige der Gleichsetzung von Natur und Gesundheit die Wellness-Gläubigen kaum. Schließlich ist es das Wesen jeder Heilslehre und Religion, Wunschvorstellungen den Vorrang gegenüber der Wirklichkeit einzuräumen. Und weil der Glaube Berge versetzt, wirkt schließlich auch der Holzglaube heilsam. Ist denn nicht alles wirklich, was wirkt?

Über jeden Zweifel erhaben ist die heilbringende Wirksamkeit des Wellness-Faktors auf die Holzmärkte. Das von der Lebensmittel-Industrie für die Verbreitung der Naturgesundheits-Esoterik eingesetzte Kapital kann nun mit wenig zusätzlichem Aufwand vom Holzmarketing lukriert werden. Der Imagetransfer gelingt umso besser, je genauer man versteht, wie der Wellnessgedanke funktioniert.

Einige wesentliche Unterschiede zum Naturbezug der Ökobewegung zeichnen die Wellnesswelt aus: In den 80ern wollte man auf Konsum und Ästhetik verzichten, um die Natur zu retten – die Ökos waren Altruisten. Die Wellnessbewegten sind Egoisten, ihr eigenes Wohlbefinden soll umfassend und mittels Konsum teurerer Waren und Dienstleistungen gesteigert werden. Nicht Rohes und Ungeformtes, sondern höchste Ästhetisierung und ein spezieller Design-Stil heben sie deutlich von allen Müslis und Schafzuchtträumern ab.

Was man früher eine „Schönheitsfarm“ nannte, ein Bade- und Kosmetikzentrum, wurde durch milde Beimischungen „fernöstlicher“ Esoterik zum Wellnesstempel weiter entwickelt. Hier unterzieht man sich Ritualen der Salbung, Reinigung und besänftigenden Hautberührung, um jene Spannungen abzubauen, die aus der alltäglichen Unvereinbarkeit von Zielen wie Fitness, Geld, Fairtrade, Erfolg, Umweltschonung, Schönheit, Askese, Genuss, Luxuskonsum, gutes Gewissen, Arbeitsleistung, Design, Kinderbetreuung, Schlankheit und Gesunderhaltung resultieren.

Die vielbeschworene Ganzheitlichkeit liegt in dem Versprechen, die Überforderung durch die Zerrissenheiten des urbanen Lebens abwaschen, abspannen und harmonisieren zu können, zwei Stunden oder auch mal ein Wochenende lang. Vor allem aber ist Wellness eines: ein Lifestyle, eine Designanforderung der „Healthstyle“-Zielgruppe an den Markenauftritt der Produzenten. Wer da mitgeht, hat Wellness in der Kasse.

Als diffuser (Mehr-) Wert in Form eines präzisen Designstils sickert der Wellnessfaktor in den Alltag ein. Immer mehr hölzerne Gebrauchsdinge lädt er auf mit quasireligiöser Bedeutung. Mit Wellness-Design erglänzt das Holz im Schein der neuen Werte.

Erschienen in: Zuschnitt, Magazin des Dachverbands der Holzindustrie proHolz
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Freitag, 6. November 2015

Plastikfenster mit Echtholzfurnier?

Wie der kulturelle Wandel die Bauweise des modernen Fensters beeinflusst


Das Fenster der Gegenwart will kein Fenster sein. Das Antifenster-Fenster entsteht nicht beim Hersteller, sondern aus der Verwendung durch Architekten. An den Fassaden trendiger Einfamilienhäuser tummeln sich zahlreiche Fensterformen: groß wie eine Wand sind sie oder klein wie eine Schießscharte, quer länglich formatiert, an Stellen ohne Aussichtsmöglichkeit angebracht oder zu um die Ecke laufenden Bändern verschmolzen, damit das einzelne dünn gerahmte Fenster in der Serie verschwindet: Alles wollen sie sein, nur keine Fenster.


Die im Antifenster-Fenster sinnbildliche Ambivalenz ist mehr als eine Modeerscheinung, sie ist auch Symptom eines kulturellen Paradigmenwechsels im Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Individuum und Gesellschaft. Was könnte sich dafür besser eignen, als die Schnittstelle zwischen Innen und Außen?

Jahrtausende lang war Bauen ein Projekt des Menschen gegen die Natur. Die Außenmauer jedes Bauwerks, der Stadtbefestigung wie des Hauses, schied die innere Human- und Kulturwelt von der äußeren feindlichen Wildnis. Seit etwa 40 Jahren wird dieses Verhältnis mehr und mehr in sein Gegenteil verkehrt. Seit Weltklima und Wärmedämmung als Themen im Vordergrund stehen, mutiert die Gebäudehülle zu einem gegen die Bedürfnisse des Menschen - zugunsten der "Bedürfnisse der Natur" - gerichteten Projekt. Wo Styroporschichten auf Fassaden geklebt werden, hat das humantypische Anliegen der Ästhetik gegenüber dem moralischen Imperativ der Weltrettung alle Rechte verloren.

Fenster müssen sich heute in diesem Diskurs legitimieren: Sind sie groß, behaupten sie, viel Sonne einzulassen, um die Energiebilanz des Hauses zu verbessern. Sind sie klein, behaupten sie, dem selben Zweck zu dienen, weil sie weniger Energie nach außen entweichen lassen. Funktional betrachtet sind diese Argumente überkomplex, kulturell betrachtet simpel und transparent wie Fensterglas.



Am Anfang dieser Entwicklung stand das "Plastik-Fenster" der 1970er Jahre. Kommuniziert wurde es im Kontext der "Energiekrise" als "Energiesparfenster". Ökologische Gedanken wuchsen ihm erst später zu, die erste Ökowelle war primär gegen alles Künstliche und Industrielle gerichtet und versinnbildlichte sich in möglichst grob aussehenden Naturmaterialien. Kunststoff war ihr natürlicher Feind. Das Energiesparen diente noch dem egoistischen Bedürfnis des Bewohners, Geld zu sparen. Das "Weltklima" war noch kein Thema.

Die neuen Plastikfenster waren blitzweiß, dick und klobig gerahmt. Das lag einerseits an produktionstechnischen Anfangsschwierigkeiten, wurde aber dennoch vom Markt akzeptiert. Schließlich machten die "modernen" Fenster Sparsamkeitsgesinnung und Technikbegeisterung um so deutlicher publik, je auffälliger sie gestaltet waren. Die weißen Wülste waren Demonstrationsobjekte kleinbürgerlichen Stolzes, der aus der Verschandelung des Dorfes sein Triumphgefühl zog. 


Lange brauchte es, bis das nichtatmende Fenster genügend Schimmel produziert hatte, um Hersteller zu zwingen, die Paradoxie nicht länger zu scheuen und gegen die übermäßige Dichtheit Lüftungsklappen einzubauen. Ebenso lange brauchte es, bis die Fensterrahmen dünner wurden und der Gedanke reifte, dass Isolierverglasung und Holzrahmen sich nicht ausschließen müssen.

Von den Bedeutungen dieses Fenster-Dramas der letzten 40 Jahre will sich das Antifenster-Fenster nicht mehr belasten lassen. Zudem bemüht es sich jenen Kulturkampf abzuhängen, in den das Fenster seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem aber seit dem Beginn der architektonischen Moderne verwickelt ist:

Die Glasfassade wollte die Mauer abschaffen, um den Menschen zu "befreien". Da es ohne Mauer kein Fenster gibt, fiel auch dieses der "Glasarchitektur" zum Opfer. Der Kampf gegen das Fenster ruht auf den ideologischen Grundfesten des Modernismus. Der Dichter Paul Scheerbart versprach sich von der Vollverglasung "kosmische Erleuchtung, höhere Wahrheit und Klarheit der Seele". Das Licht solle, wie Bauhaus-Theoretiker Adolf Behne formulierte, "wie ein Peitschenschlag den hinter Mauern sitzenden Spießer daran hindern, in Stumpfsinn und Gemütlichkeit zu verfallen".

Seit nach der Postmoderne die Neomoderne zurück kehrte, gibt es ein Loyalitätsproblem gegenüber der Pflicht, weiterhin gegen das Fenster zu kämpfen. Der Konflikt zwischen Ökologie und modernistischer Form wird vom Antifenster-Fenster formal gelöst. 


Als Kompromissbildung ist es auch Austragungsfläche für den Widerstreit zwischen dem Interesse der Hausbewohner und dem gesellschaftlich statuierten "Interesse der gefährdeten Natur". Das mehrfach verglaste Holzfenster verhilft dem ökologischen Gedanken über seine funktionale Verwirklichung hinaus zu einer demonstrativ natürlichen Oberfläche. In ihm sind Funktion, Gesinnung und deren ästhetische Anschaulichkeit ähnlich verknüpft, wie beim weiß blitzenden Energiesparfenster des Plastikzeitalters. 

Die neuen Holzfenster haben die gleiche isolierende Funktion wie die Plastikfenster von damals. Was beide mit ihren Oberflächen und Gestalten nach außen der Gesellschaft demonstrieren, könnte verschiedener nicht sein. Das Fenster der 70er Jahre strich den Eigennutz seines Besitzers hervor. Durch das Fenster der Gegenwart will man als Altruist gesehen werden, moralisch bereit, seine eigenen Bedürfnisse den planetarischen unterzuordnen. Auch dann, wenn man aufs Fensteröffnen verzichten muss, weil das die Messwerte des sich selbst überwachenden Passivhauses stören könnte.


Freitag, 25. September 2015

Toiletten und Kulturen

Lokale Toilettenkulturen von der Antike bis ins Zeitalter der Globalisierung


Die historischen Innovationen von Toilettenanlagen ermöglichten neue kulturelle Praktiken im Umgang mit der Ausscheidung, Anhebung der Hygienestandards, Zivilisierung und Kultivierung privater wie öffentlicher WCs. Zugleich gilt das Umgekehrte: Der kulturelle Wandel hat einen bedeutenden Einfluss auf die technische Bauart und die Innovationsmöglichkeiten des Klosetts. Dies zeigt sich an den starken Unterschieden zwischen nationalen Toilettenkulturen im globalen Vergleich. Welche Perspektiven eröffnet die kulturelle Globalisierung für die Weiterentwicklung des WCs?


„Wir untersagen, stinkenden Unrat oder irgendwelche Flüssigkeiten auf die Straßen zu werfen oder zu schütten und in den Häusern längere Zeit Harn aufzubewahren. Wir ordnen an, dass alle Eigentümer von Häusern, Gasthäusern und Unterkünften, in denen es keine Abtrittgruben gibt, sofort, ohne Verzug und umgehend solche anlegen lassen!“ 



Die Geburt der Innentoilette fand 1539 statt. Der Erlass des französischen Königs Franz I. hatte weitreichende Folgen für die Hygienekultur Europas. Er markiert den Beginn der Tabuisierung des Kotes und in der Folge seine Besetzung mit Schamgefühl. Die Stadt roch nun besser, das verschob die Ekel- und Reizschwellen und gab erste Impulse zur Entwicklung höherer Hygienestandards. Dass heute WCs eine Selbstverständlichkeit sind, verdanken wir König Franz I. Er hätte es verdient, von der gesamten Sanitärbranche als ihr Heiliger gefeiert zu werden.

Die Verlagerung der Ausscheidung von der Öffentlichkeit ins Privathaus nannte der Kulturhistoriker Dominique Laporte in seiner „Gelehrten Geschichte der Scheiße“ eine „Domestizierung der Exkremente“: „Erst als Gegenstand der Politik wird die Scheiße zu einer Privatangelegenheit“ und zu einem intimen Objekt. Der öffentliche Raum konnte seine heutige Bedeutung erst gewinnen, nachdem er von Toilettenfunktionen bereinigt war. Heute werden die Ausscheidungen von Wasserspülungen rasch der Wahrnehmung entzogen.

Im Mittelalter und der Antike wurde gemeinschaftlich öffentlich defäkiert. „Sprachhus“ nannte man mittelhochdeutsch den Abtrittsort als Zentrum der gesellschaftlichen Konversation. Nicht anders ging es in den Latrinen der alten Römer zu, langen, mit mehreren Löchern versehenen Steinbänken, die sich in die Cloaca Maxima ergossen, das erste städtische Kanalisationssystem. Europa musste dann bis zur Industriellen Revolution warten, die zu einer Verstädterung führte, welche Kanalisation zur Abführung des anfallenden Abfallenden unausweichlich machte. Ebenso lange dauerte die Entwicklung des Klosetts mit Wasserspülung. Erst im Jahre 1851 wurde es auf der Great Exhibition in London vorgestellt. Verschließbare Klotüren kamen gar erst um 1900 in Mode.

Zivilisierung und Kultivierung von der Toilette her

In seiner „Geschichte der Zivilisation“ zeichnete der Soziologe Norbert Elias eine kontinuierliche Entwicklung zunehmender Zivilisierungen in Europa nach. Für ihn ist Zivilisation ein Prozess, in dem neben technischem, wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Fortschritt auch eine wachsende Differenzierung zu beobachten ist, die sich in veränderten Persönlichkeitsstrukturen niederschlägt: Weil die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Menschen zunehmen, ist mehr Selbstdisziplin, Affekt- und Selbstkontrolle nötig. Zurückhaltung wird zur Tugend. Diese zeigt sich im Vorrücken von Schamschwellen, Peinlichkeitsschwellen und Tabuisierung der Ausscheidung.

Die nur in Deutschland einst geläufige Unterscheidung von Kultur und Zivilisation wird heute nicht mehr getroffen. Zu sehr war „Zivilisation“ noch auf eine eurozentristische Abgrenzung von der „Barbarei“ gegründet, was eine abwertende Haltung gegenüber außereuropäischen Kulturen impliziert.

Auch Walter Hess formuliert in seinen „Nachdenklichen Absonderungen aus dem stillen Häuschen“ ein intimes Naheverhältnis von Kultur und Kloake: „Kulturgeschichte hat immer auch mit Exkrementen zu tun; wahrscheinlich kann man am Umgang mit ihnen von Grund auf lernen, was Kultur ist. Die ältesten Kaueraborte mit Fußplatten fand man in Babylonien über den Wasserläufen des Euphrat, einer ehemalige Hochkultur...“.

Basiert alle Kultur auf solch einer Kultur? Lässt sie sich als anthropologisches Abstoßungsprojekt, Überwindungsprojekt, Negationsprojekt, Verdrängungsprojekt der Ausscheidung erklären? Diese These ist selbstverständlich nicht nur pointiert, sondern speziell auf die europäisch verwurzelte Kulturtradition gemünzt und nur für diese treffend. Schon die Cloaca Maxima wurde oft als Beweis der „Kulturhöhe“ des alten Roms gelobt, ohne von einem Kulturwandel zur Tabuisierung motiviert worden zu sein.

Das Modell einer evolutionären Entwicklung zum „zivilisatorischen Fortschritt“, in dem sich die westliche Gesellschaft, Kultur und Technologie seit der bürgerlichen Epoche begreift, liegt auch der Psychologie zugrunde, wo diese sich des Themas der Exkremente annimmt. Gründervater Sigmund Freud ging von der Entwicklung des Kleinkindes zum Erwachsenen aus und maß dabei den frühesten Phasen die prägendste Bedeutung zu. In der Phase der Reinlichkeitserziehung werden wichtige Weichen zur Charakterbildung gestellt. Das Kleinkind lernt in diesem Konflikt mit der Mutter, dass es einen Wert zurückhalten oder hergeben kann. Dies wird als Initiation der ökonomischen Funktion der Ich-Grenze interpretiert, was in der psychoanalytischen Theorie zur Assoziation von Geld und Kot führte. Als Kind seiner Zeit definierte Freud Zivilisation als „Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung“.

Die kulturellen Unterschiede

Wer die Welt bereist hat weiß, wie verschiedenartig und gewöhnungsbedürftig die Toilettenanlagen in den einzelnen Ländern und Regionen sind. Auch heute, bei annähernd gleichen technischen Möglichkeiten, zeigen sich die Aborte von lokalen Kulturen geprägt. Im Islam spielen Waschungen eine bedeutende Rolle. Was den Körper verlässt, gilt ebenso als „unrein“ wie der Abort ein Unort ist. Der Körper wird mit Wasser und der linken Hand gereinigt, weshalb auch diese mit dem Attribut unrein besetzt ist und für manche Tätigkeiten keine Verwendung finden darf. Die Toiletten sind meist mit speziellen Wasserschläuchen ausgestattet, die dieses tradierte Reinigungsritual auch auf modernen WCs bequem ermöglichen.

Die aus Italien bekannte Hocktoilette, ein von flacher Keramik gefasstes Loch im Boden, ist nicht nur in Südeuropa, sondern auch in Asien und in islamischen Ländern verbreitet. Die amerikanische Klomuschel funktioniert grundlegend anders als die europäische. Der Wasserspiegel ist höher, die Ausspülung beginnt mit einer Strahlpumpe und endet mit einer Saughebe-Funktion. Diese Bauart lässt die Exkremente im Wasserstrudel schwimmend noch ein Weilchen betrachten, was von Medizinern als Vorteilhaft für die Frühdiagnose von Darmerkrankungen gelobt wird. Dieser Aspekt wird nur vom deutschen Flachspüler überboten.

Die nationale Eigenart der britischen Aborte erklärt die Autorin Elisabeth Hewson aus der traditionsreichen Ablehnung, die „Insel-Installateure“ generell der modernen Technik entgegenbringen: „Da liegen Abflussrohre außen, als gäbe es keinen Winter, „verschönen“ die Nassräume innerhalb des Hauses mit ihrem staubfangenden Durcheinander. Da tröpfelt oder schießt es unbestimmbar in Temperatur und Menge aus Brauseköpfen. Da muss man den richtigen Schwung heraus haben, um die Klospülung zum Rinnen zu bringen. Da gibt es Einhebel-Wasserhähne, die sich nur voll aufdrehen lassen, erst dann kann man die Temperatur einstellen. Oder andere, die sich sowohl drücken als auch drehen lassen, bis man weiß, wohin, ist man verbrüht oder erfroren. Gar nicht zu reden von den immer noch vorhandenen, weit auseinander liegenden, an die Waschmuschel gepressten (damit man ja nichts, einen Zahnputzbecher zum Beispiel, darunter stellen kann) separierten Heiß- und Kaltwasserhähnen.“

Auch auf die Frage, warum das so ist, weiß Hewson eine Antwort: „Die Briten waren die ersten. Die ersten mit Wasserklosett, mit heißem und kaltem Wasser in Badezimmer und Küche, mit Steckdosenerdung und Lift. Und seither wurde halt nichts verbessert, schon gar nicht, da Tradition ja etwas Heiliges hat im Land jenseits des Kanals. Und so sind sie heute die Letzten, nicht nur beim Waschkomfort...“

Toilettenstreit und „Nationalcharakter der Deutschen“

Die deutsche Toilette ist der Austragungsort eines Kulturkampfs: Seit den 1990er Jahren droht zunehmend der Tiefspüler den traditionellen Flachspüler aus seinem angestammten Häuschen zu vertreiben. Tertium non datur – als gäbe es keine dritte Möglichkeit, wird in deutschen Internetforen heftig über die Gewichtung der Nachteile beider den Markt beherrschenden Modelle debattiert. Die trockene Lexikonsprache von Wikipedia ist am besten geeignet, das Nassraumproblem in Worte zu fassen: „Bei einem WC-Flachspülbecken handelt es sich um ein Sitzklo, bei dem sich unter dem Gesäß des Benutzers eine Art Stufe befindet, auf die die Ausscheidungen fallen. Die Ausscheidungen verschwinden erst beim Spülen. Der größte Nachteil dieser Bauart ist die starke Geruchsentwicklung...“

Diesen Nachteil hat der traditionsbrechende Tiefspüler nicht – dafür einen anderen: „Die Ausscheidungen fallen in das Wasser eines Siphons, der sich unter dem Gesäß des Benutzers befindet. Dadurch ist die Geruchsentwicklung gering, weil das Wasser den Kontakt der Exkremente mit der Raumluft verhindert. Ein Nachteil gegenüber dem Flachspüler ist jedoch, dass das Wasser oft an das Gesäß hochspritzt.“

Will man lieber Gestank erdulden oder von unten mit Ausscheidungen und kaltem Wasser bespritzt werden? Diese Wahl fällt wahrlich schwer! Dabei ist längst eine WC-Muschel auf dem Markt, die beider Vorteile ohne die jeweiligen Nachteile zu lösen verspricht – das „Kaskaden-WC“. Ob es hält, was es verspricht, ist schwer herauszufinden, weil es so selten anzutreffen ist. Technische Lösungen sind eben nicht immer auch Lösungen für die Konsumenten – zumindest dann nicht, wenn diese in einen Kulturkampf verwickelt sind, in dem es ihnen ums Prinzipielle geht. Kriege jedweder Art führen zu erstaunlicher Opferbereitschaft auf beiden Seiten – auch wenn sie auf dem stillsten aller Örtchen ausgefochten werden. 



1985 wirbelte der Spiegel mit einem Bericht über den zwanghaft analen Nationalcharakter der Deutschen viel Dreck auf. Die Story basierte auf einer „wissenschaftlich ernst gemeinten“ Studie des Anthropologie-Professors Alan Dundes aus Berkeley: „Die Deutschen, berühmt für ihre Sauberkeit, sind analfixiert.“ Diese nicht eben schmeichelhafte These zur deutschen Volksseele begründet der Autor primär aus der Geschichte deutscher Literatur, in der er eine „skatologische Tradition“ ortet, die von Martin Luther über Grimmelshausen bis zu Günter Grass und Heinrich Böll reiche. Dieser Hang zur Analität werde durch die in Deutschland besonders früh und rigoros praktizierte „Reinlichkeitserziehung“ gefördert – „ein pädagogisches Trauma mit paradoxen Folgen“, das sowohl eine infantile Lust am Dreck und zugleich ein zwanghaftes Bedürfnis nach Sauberkeit hinterlasse. Die traditionelle Bindung der Deutschen an den Flachspüler, der es ja immerhin erlaubt, das eigene Produkt genau zu beäugen und einen narzisstischen Stolz dafür zu entwickeln, ließe sich mit Dundees Theorie gut, wenn nicht allzu gut, erklären.

Starker Tobak, nicht ohne 68er-Geruch, aber immerhin Reizstoff für hitzige Debatten. Vielleicht nur ein Mythos, aber einer, der mit seiner Verbreitung selbst zum nationalen Mythos wurde. Denn schon im linken Diskurs der 1970er Jahre war der Nationalsozialismus selbst in die symbolische Position des „braunen Drecks“ eingerückt. Konservativen wurde zugeschrieben, die wie Dreck anhaftende Schuld verdrängen zu wollen. Dagegen machte man die Fixierung des Blicks auf diese grausige Hinterlassenschaft zu einem Pflichtprogramm, das helfen sollte, gleiche Fehler nie wieder zu begehen. Damit hat der metaphorische Gegensatz von Dreck und Sauberkeit zwar die politischen Seiten gewechselt, durchzieht jedoch bis heute wie eine feine Duftspur den Diskurs über die nationale Identität.

Der Flachspüler, ein Wasserspiegel narzisstischer Selbstbeschau und zugleich Servierteller für das Dejekt als Objekt negativer Selbstrepräsentation, das man in einer theatralischen Inszenierung verwerfen und loswerden kann, ist außerhalb seines kulturhistorischen Kontexts nur schwer zu verstehen (wie ausländische Gäste in Deutschland immer wieder monieren). Zu aufgeladen ist er mit deutscher Geschichte und Mythologie, als dass man ihn umstandslos dem Eindringen internationaler Toilettenmodelle opfern würde. Sein Rückzugsgefecht könnte noch ein Weilchen dauern.


Verändert die Globalisierung die Toiletten der Zukunft?

Niemand kann die Zukunft wissen, aber man kann entweder bestehende Trends in die Zukunft verlängern oder die übergreifenden Veränderungen der Gesellschaft darauf hin befragen, ob mögliche Einflüsse auf einen bestimmten Gegenstand ausgemacht werden können. Dabei findet man Zukunftsthemen, die diskussionswürdig sind. Antworten zu finden bräuchte einen komplexen Prozess, der mit entsprechendem Aufwand verbunden ist.

Die Globalisierung ist fraglos einer der bedeutendsten Veränderungsprozesse der Gesellschaft auf allen Ebenen. Technologie, Information, Ökonomie und Medienkonsum haben nationale und kulturelle Grenzen längst überschritten. Auch die Menschen werden immer mobiler, ob im Business, im Tourismus oder als Ein- und Auswanderer. Die multikulturelle Gesellschaft nach dem Vorbild Amerikas ist immer weniger ein Debattenthema und immer mehr eine Realität. Demoskopen sagen, dass diese kulturelle Durchmischung weiter zunehmen wird.

Wenn die Anforderung an eine Toilette von nationalen Kulturtraditionen geprägt ist, kann man daraus folgern, dass ein wachsender Ausländeranteil gleichzusetzen ist mit dem Anteil der Menschen, denen die nationale Toilettenkultur Komplikationen und Anpassungsbemühungen zumutet. Wird es dazu kommen, dass Soundeinspiel-Geräte, die auf japanischen Damentoiletten zur Übertönung des Plätscherns als unverzichtbar gelten, auch in allen Europäischen Hotels und in den Bürohäusern internationaler Unternehmen zum Mindeststandard gehören? Oder wird im Gegenteil die Globalisierung als Gegenreaktion eine stärkere Betonung regionaler Traditionen auf den Plan rufen, wie dies in der Esskultur zu beobachten war und ist?

Ebenso unbeantwortbar ist heute noch die Frage, wie sich die Globalisierung auf die weitere Karriere des 1962 in der Schweiz erfundenen Dusch-WCs auswirken wird. Denn einerseits hätte es aus technischer Sicht das Zeug, die Bedürfnisse mehrere Kulturen in eine Einrichtung zu integrieren. Blickt man jedoch auf die kulturelle und ökonomische Struktur der Zuwanderer Europas, wird diese high-tech Lösung wohl noch lange zu teuer sein und damit an der Zielgruppe vorbei gehen. Auch die kulturelle Dynamik kann in die eine oder andere Richtung gehen. Integrierende Kräfte stehen Impulsen der Regionalisierung, Ghettobildung und Re-Nationalisierung gegenüber. Aus welchen Toiletten-Modellen die einzelnen Zielgruppen ihre Distinktionsgewinne ziehen wollen, wird sich erst in einem langen und chaotischen Prozess herauskristallisieren, dessen Ergebnis dann immer noch von höchster Komplexität und Multikulturalität charakterisiert sein kann.

Dusch-WCs haben in ihrem Ursprungsland Schweiz, wo auch der Marktführer Geberit beheimatet ist, einen Marktanteil von 10%, in Japan 80% und in Deutschland 1%. Am technischen Funktionieren können diese Unterschiede der Akzeptanz nicht liegen. Ob die japanische Kultur die Duschfunktion so liebt, weil man an sie die Schuld am peinlichen Wassergeräusch delegieren kann, wurde noch nicht erhoben. Immerhin ahnen wir jetzt, warum die Deutschen so wenig Begeisterung für die Springbrunnen des Aborts aufbringen.


Links:
http://oe1.orf.at/artikel/285701
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492723.html



Dienstag, 22. September 2015

Das Rohr



Am Anfang war das Rohr: Vom Baukörper zum Körperbau und retour



Das Rohr ist ein fensterloser Rundbau, der steht oder liegt und weder über Keller noch Dach verfügt. Liegt es, so ist es ein Gang.


Diese Betrachtungsweise ist natürlich grundfalsch. Nur in Kriminalfilmen kriechen Räuber durch Rohre, und Polizisten hinterdrein. Menschenrohre sind außerhalb der U-Bahnen rechteckig gehalten, damit wir uns nicht wie Fuchs und Dachs vorkommen. Gänge gebärden sich rechteckig als Architekturen, um ihren Rohr-Charakter zu dementieren. Sie inszenieren den aufrechten Gang, der Würde halber. Wir wollen schließlich weder rund noch flüssig sein, und Maulwürfe schon gar nicht.


Ein Bauwerk ist ein durchlöchertes kantiges Rohr, das seinerseits zu einem großen Teil aus Rohren besteht und in sich weitere Röhren bildet. Auch diese Betrachtung ist falsch. Hat nicht der Mensch die Höhlen und Erdlöcher vor Jahrtausenden verlassen, um alles Röhrenhafte seiner Existenz hinter und unter sich zu lassen und der durch und durch rundlichen rohrartigen Natur die rechtwinkelige und damit geistigere Architektur entgegen zu setzen? War Architektur nicht initial der Name des Menschheits-Projekts, sich vom Rohrwesen zu emanzipieren? Warum sonst kam Architektur so lange ohne Rohre aus?


Aus einem Rohr kommst du, und in einem Schacht wirst du enden, das ist dein Menschenschicksal. Zwischendurch wirst du selbst ein Rohr sein, das aus tausenden Rohren besteht. Der Blutkreislauf ist noch der vornehmste Kandidat, um hier als Rohrleitungssystem benannt zu werden. Der Mensch ist zwar das einzige Schlauchsystem, das über diese Tatsache reflektieren kann, aber auch das einzige, das davon nichts wissen will. „Gesundheit ist das Schweigen der Organe“, hieß es einst, bevor die Wellness-Idee auch Gesunde davon überzeugte, heilender Mittel zu bedürfen. Man könnte vom Schweigen der inneren Rohre sprechen, wenn man die Bedingung des menschlichen Selbstbewusstseins zu beschreiben versucht. „Ich denke, also bin ich“, dieser Satz gilt nur, wenn ich die Rohre gerade vergessen kann, auf deren flüssigem, staufreiem Funktionieren die Selbstidentifikation als freies Geistwesen aufruht. Bewusstsein könnte man somit auch „Rohrvergessenheit“ nennen. Der Mensch ist eine dichte Packung aus Rohrsystemen, mit der Besonderheit, dies zwanghaft dementieren, verdecken, vergessen, übergehen und übersehen zu müssen. Kleidungsvorschriften sind für jene Körperstellen die verbindlichsten, an denen das Röhrenwesen erkennbar würde. Wo, wie beim Mund, verdecken nicht tunlich wäre, hilft die Sitte, diesen nicht als Schlund erscheinen zu lassen, etwa, indem man sich beim Gähnen die Hand davor hält und Servietten benützt, wenn die Passage der Speisen ins Verdauungs-Rohr-System nicht spurlos funktioniert.


Kultur ist eine große Rohr-Dementi-Veranstaltung. Diese ist auch nötig, wissen wir doch aus der Naturkunde, dass die Entstehungsgeschichte aller komplexeren Lebewesen mit der ersten Rohrbildung in Gang kam. Am Anfang war das Rohr. Ein Klumpen Einzeller entdeckte den Überlebensvorteil eines leeren Zentrums. Mit der ersten Einstülpung wurde ein Nichts zum Etwas, wenn es nur innen lag – im Inneren eines Äußeren. Welch eine Abstraktionsleistung! Ein Wesen wird man, in dem man in sich Etwas und Nichts zu unterscheiden und zu trennen lernt. Das Nichts im Kern des Rohres ist keine bloße Abwesenheit, sondern eine geplante potentielle Anwesenheit. Mit der Rohrform entsteht die Möglichkeitsform, Zukunftsplanung und Steuerungssysteme sind bereits implizit mitgedacht. Etwas, das Inneres von Äußerem zu unterscheiden vermag, nennt man System. Mit der Rohrform war das Prinzip der Differenzierung erfunden, es brauchte nur noch immer weiter auf sich selbst angewandt zu werden. Die Evolution ist das sukzessive Einstülpen und Ausstülpen von Schläuchen aus sich selbst. Und weil jeder Embryo die gesamte Evolutionsgeschichte Schritt für Schritt wiederholt, entstammt jeder erwachsene Mensch nicht nur Rohren, er war auch selbst einmal ganz und gar Rohr, bevor er sich in tausende Rohre teilte.


Ich bin ganz Rohr. Gerade deshalb möchte ich davon nichts wissen. Nichts sehen, hören, spüren und schon gar nichts riechen. Was hilft mir aus dieser Not? Richtig: Das Rohr! Seine Geschlossenheit ermöglicht es, Phänomene der Welt unbemerkbar anwesend zu machen. Das Rohr verschließt, ohne Transport zu verhindern – im Gegenteil, es bahnt, hält weg und hält bereit. Als Verschlussarchitektur lehrt es uns auch gleich, was wir damit machen wollen: es wegschließen und unmerklich machen.


Obwohl das Rohr eine so großartige Erfindung ist, die es verdient hätte, vorgezeigt zu werden und in auffälliger Weise an allen Wänden in Augenhöhe außen montiert zu werden, übertragen wir doch die Kultur der Scham auf die Architektur und lassen die Rohre im Baukörper verschwinden. Damit erst ist die Körpermetapher komplett realisiert: Das aus dem Körper funktional ausgewanderte Rohr wandert in den Baukörper ein, um sich der Wahrnehmbarkeit zu entziehen. In schärfstem Gegensatz zur funktionalistischen Idee der Moderne ist der mit immer mehr Röhrensystemen durchzogene Bau der Gegenwart eine groß angelegte Rohr-Verdeckungs-Inszenierung.


Nichts von dem, was wir in heutigen Gebäuden Wand, Boden oder Decke nennen, verdient noch diesen Namen. Wir gehen auf doppeltem Boden, lehnen uns an die seitliche Verblendung oder Verschalung der Leitungszwischenräume, während über uns die Decke abhängt. Der Innenraum wurde zur Bühnen-Inszenierung eines gebauten Raums, hinter dessen dünnen Kulissen die Versorgungsstränge liegen und laufen. Moderne Architektur ist Blendwerk im Dienste der Rohrverschwindens. Was im Rohr ist, ist doppelt verschwunden. Im Rohr, und in der „Wand“.


Das Ideal des rohrvergessenen Menschen spiegelt sich in der rohrverdeckenden Architektur.


Architektur ist der Name der großen Rohrverschwindensinszenierung außerhalb des Menschenkörpers, sie gehört damit zum noch größeren Verblendungs-Zusammenhang Kultur.


Die Kompetenz des Rohrs, bewegtes Anwesendes so der Wahrnehmung zu entziehen, dass potentielle Anwesenheit bei scheinbarer Abwesenheit entsteht (etwa des Wassers in der Leitung), gehört zu den zentralsten Kulturtechniken des Menschen. Die Unmerklichkeit des Rohrtransports ermöglicht es der Aufmerksamkeit, sich auf abstraktere Gegenstände und Vorgänge zu lenken und auf Gewolltes wie Gestaltetes zu konzentrieren. Rohre entlasten nicht nur von Wegen, sondern auch von Wahrnehmungen. Damit befreien sie die Wahrnehmung für Bewusstes, Schönes und Erwünschtes.


Der Beitrag des Rohrs zur Kultur, Architektur und Geistigkeit liegt im doppelten Verschwinden, das alles Liquide aus der Weltwahrnehmung bringt und schließlich das Rohr selbst in die Wand versenkt.


Das Rohr brilliert mit Unsichtbarkeit. Wir schätzen an ihm den Entzug unerwünschter Erfahrungen, die Kompetenz für den Schein des Verschwundenseins. Nur im Rohr und in Medien kann etwas zugleich anwesend und abwesend sein. Und obwohl das Rohr selbst kein Medium ist, ermöglicht es doch eine Ausfilterung störender Wahrnehmungen. Infolge dieser Ausfilterung erhält die Weltwahrnehmung innerhalb von verrohrter Architektur einen medialeren Charakter. Was nichts anderes bedeutet, als eine Fokussierung des Bedeutenden durch Unterdrückung des weißen Rauschens der Zufälligkeiten.


Schwierig ist es daher, Aufmerksamkeit für Rohre zu gewinnen. Das Rohr ist unter allen Waren diejenige, die geradezu programmatisch sich jedes Appells, wahrgenommen zu werden, enthalten muss.


Rohre sind unsichtbar. Alle Architektur ist Rohr-Architektur. Das Rohr ist die Mutter aller Medien.


Alles Rohr?